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Das Gnadenbild - die Pietà von Telgte

Wer das Wort „Pietà“ hört, denkt unwillkürlich an den Künstler Michelangelo Buonarroti und seine Pietà im Petersdom in Rom. Zweifelsohne ist die Pietà des Michelangelo weltweit das bekannteste Werk dieser Kunstgattung. Doch als der 25-jährige Michelangelo im Jahre 1499 seine Skulptur vollendet, wird dieses aussagekräftige Vesperbild der leidenden Mutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß in Telgte bereits seit 150 Jahren verehrt.

Die Szene hat keine biblische Grundlage sondern entspringt der menschlichen Vorstellungskraft. Da die Darstellung zeitlich zwischen Kreuzabnahme und Grablegung anzusiedeln ist, also am Spätnachmittag des Karfreitags, wird diese Marienklage auch als Vesperbild bezeichnet. Über den Ursprung der Pietà von Michelangelo“ dokumentiert die Herkunft dieser großen Kunst des Mittelalters nördlich der Alpen.

Die Telgter Pietà ist aus zwei Holzstämmen geschnitzt. Nachgewiesen ist, dass die Marienfigur aus Pappel- bzw. Weidenholz besteht. Die Christusfigur ist mit schmiedeeisernen Nägeln im Schoß Mariens befestigt. Ursprünglich hat das Gnadenbild eine farbige Fassung. Mehrmals wird die Farbgebung der Zeit angepasst. Die größten Veränderungen erfährt die Pietà im Jahre 1854. Auf Anordnung des Bischofs von Münster Dr. Georg Müller wird der rechte Arm Christi, der ursprünglich senkrecht nach unten hängt, in den Schoß Mariens gelegt. Darüber hinaus bekommt Maria ein Halstuch. Bis zu diesem Zeitpunkt hat das Gnadenbild schon fünf verschiedene Fargebungen erlebt. Da die Gläubigen gegen die überarbeite farbige Fassung protestieren und sie auch dem Bischof nicht gefällt, ordnet er die heutige dunkelbraune Patinierung an.

Die Pietà enthält sowohl im Marien- als auch im Christuskopf mehrere Reliquien. Vier der Reliquien, die 1991 im Marienkopf entdeckt werden, sind anhand der Beschriftung identifiziert: ein Hölzchen von der Geißel Jesu als Herrenreliquie, Öl einer Marienikone aus Sardanja, eine Knochenreliquie des heiligen Pachomius, der als Gründer des gemeinschaftlichen Mönchtums gilt, und ein ausgebrochener Zahn vom Martyrium der heiligen Apollonia, der Patronin der Zahnärzte und -ärztinnen.

Die Marienreliquie, das „Oleum b(eata)e ymaginis v’ginis marie de Sardanja“, so die Angabe auf dem Reliquienzettel, stammt von einer Ikone im Kloster unserer Lieben Frau in Sardenai, dem im Mittelalter zweithäufigst besuchten Wallfahrtsort im Heiligen Land in der Nähe von Damaskus. Das seltene Marienbild, aus dem das wundertätige Öl fließt, soll der Legende nach der Evangelist Lukas gemalt haben. Es stellt die stillende Gottesmutter dar.

Die Pietà mit der Marienreliquie ist Patronin der broderschap van Unser Vrowen Ghilde tho Telghet, die urkundlich erstmals 1348 erwähnt wird. Die Verehrung der Gottesmutter ist Motivation zur Gründung und Hauptanliegen dieser mittelalterlichen Bruderschaft, in deren Besitz sich die Pietà befindet. Entsprechend der mittelalterlichen Frömmigkeit ist es eine wesentliche Aufgabe der Liebfrauen-Gilde, für ein würdiges Begräbnis und Totengedächtnis ihrer Mitglieder zu sorgen. Im Spätmittelalter trägt die Bruderschaft die Pietà mit sich, wenn bei der jährlich stattfindenden ganztägigen Umtracht Stadt und Kirchspiel Telgte unter den göttlichen Schutz gestellt wurde.

Urkundlich ist somit gesichert, dass sich die Pietà spätestens 1348 in Telgte befindet. Weitere Erwähnung findet Unsere Liebe Frau im Jahre 1455, hier stiftet ein Telgter Bürger einen Leuchter, und 1466 als ein Dach vor der Kapelle gestiftet wird, damit die zahlreichen Beter nicht im Regen stehen. In einer Urkunde aus dem Jahre 1479 wird erwähnt, dass die Pietà eine Krone trägt und in einer Kapelle untergebracht ist. Angesichts verschiedener Hinweise in der Herstellungstechnik, z.B. der Pressbrokat-Borte am Gewand Mariens, gehen Restauratorinnen und Restauratoren heute davon aus, dass das Vesperbild für einen geschlossenen Raum geschaffen ist und kein Grabmal auf dem Kirchhof gewesen sein kann, wie lange Zeit behauptet.

Aus der Teilnahme auswärtiger Ordensleute an der Umtracht entwickeln sich ab 1609 die ersten Wallfahrten der Jesuiten mit ihren Schülern aus Münster zum uralten wundertätigen Bildnis der Gottesmutter, damals bereits liebevoll von Telgter Paolbürgern „dat aolle Mensk“ genannt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sorgt Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen 1654 für den Bau der barocken Kapelle und ordnete aus allen Orten seines Bistums die Wallfahrt nach Telgte an. Die Marienverehrung steht im Mittelpunkt des pastoralen Bemühens des Fürstbischofs im Zeichen der Gegenreformation.

Höchste Ehre erfährt die Schmerzhafte Mutter von Telgte im Jahre 1904, als man den 250sten Jahrestag der Grundsteinlegung der Wallfahrtskapelle feiert. Der Erzbischof von Köln Antonius Kardinal Fischer krönt im Auftrag des Papstes die Telgter Pietà und erhebt sie damit offiziell zu einem von der Katholischen Kirche anerkannten Gnadenbild.

Der bekannteste Pilger zur Schmerzhaften Mutter von Telgte ist der Bischof von Münster Clemens August Kardinal von Galen, der „Löwe von Münster“. Die größte Wallfahrt nach dem Krieg findet 1975 statt, als Ordensleute, Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern und Krankenpfleger für den Schutz des ungeborenen Lebens beten. Der heilige Papst Johannes Paul II. bezeichnete Telgte mit seinem Gnadenbild bei seinem Besuch in Münster am 1. Mai 1987 als „das religiöse Herz des Münsterlandes“.

Die um ihren toten Sohn trauernde Mutter ist ein unüberbietbares Symbol für den Schmerz und das Leid der Menschen. Die Pietà ist die Mit-Leidende, so die wörtliche Übersetzung. Die Besonderheit der Telgter Pietà besteht darin, dass Maria über ihren Sohn hinausblickt. Sie schaut den ungläubigen Betrachter und den gläubigen Christen an und ruft in die Nachfolge Christi, d.h. in ein Leben aus dem Geist christlicher Wertorientierung. Jede Pietà ist vom mittelalterlichen Ursprung her zuerst eine Christusdarstellung. So wie Maria sollen die Menschen zu Mit-Erlösenden werden und das durch Krankheit, Kindesmisshandlung, Katastrophen und Krieg verursachte Leid in dieser Welt verringern.

 (Text: Heinz Stratmann)

Der Beitrag zum Gnadenbild gibt die jüngsten Erkenntnisse der Forschung zur Schmerzhaften Mutter von Dr. Heinz Stratmann wieder.  Die Wallfahrtsgilde erwartet und wünscht sich eine angeregte wissenschaftliche Diskussion.

 

(Bild: Christian Kammler)

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