user_mobilelogo

Das Gnadenbild - die Pietà von Telgte

Wer das Wort „Pietà“ hört, denkt unwillkürlich an den Künstler Michelangelo Buonarroti und seine Pietà im Petersdom in Rom. Zweifelsohne ist die Pietà des Michelangelo weltweit das bekannteste Werk dieser Kunstgattung. Doch als Michelangelo als 25-jährriger im Jahre 1499 seine Skulptur vollendete, war diese aussagekräftige Darstellungsgattung der leidenden Mutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß, wie sie in Telgte verehrt wird, weit mehr als 100 Jahre alt.

Die Szene hat keine biblische Grundlage sondern entspringt der menschlichen Vorstellungskraft. Da sie zeitlich zwischen Kreuzabnahme und Grablegung anzusiedeln ist, also am Spätnachmittag des Karfreitags, wird diese Darstellung der Marienklage auch als Vesperbild bezeichnet.

Die Pietà wurde aus zwei Pappelholzstämmen geschnitzt. Die Marien- und die wesentlich kleinere Christusfigur sind mit schmiedeeisernen Nägeln zusammengefügt. Ursprünglich war das Gnadenbild farbig gefasst. Die Entstehung der Telgter Pietà wird kunsthistorisch um das Jahr 1370 datiert.

Ein Hinweis für die Berechtigung dieser Einschätzung liefern die Reliquien, die 1991 im Kopf der Pietà entdeckt wurden. Die Handschriften auf den vier Cedulae sind eindeutig der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zuzuordnen. Das „Öl des Marienbildes von Sardenai“, dem im Mittelalter zweithäufigst besuchten Wallfahrtsort im Heiligen Land in der Nähe von Damaskus, stammt von einer Pilgerreise nach Jerusalem und könnte von einem sich Telgte verbunden fühlenden Hansekaufmann Ludeke Dynningh stammen, der in seinem Testament aus dem Jahre 1387 eine solche Pilgerreise erwähnt.

Als wahrscheinlichsten Entstehungsgrund gehen Historiker heute davon aus, dass die Pietà als Identifikationsfigur einer Mariengilde (unser Vrowen ghilde), die erstmals 1348 urkundlich nachzuweisen ist, geschaffen wurde. Diese mittelalterlichen Bruderschaften sahen ihre wesentliche Aufgabe darin, für ein würdiges Begräbnis und Totengedächtnis ihrer Mitglieder zu sorgen. Die Gilde trug die Pietà mit sich, wenn bei der jährlich stattfindenden ganztägigen Umtracht (Hilligfoer) Stadt und Kirchspiel Telgte unter den göttlichen Schutz gestellt wurden.

Erste urkundliche Erwähnung findet die „Trösterin der Betrübten“, so der ursprüngliche Name, im Jahre 1455 und 1466. In einer Urkunde aus dem Jahre 1479 wird erwähnt, dass die Pietà eine Krone trägt und in einer Kapelle untergebracht ist. Angesichts verschiedener Hinweise in der Herstellungstechnik, z.B. der Borte am Gewand Mariens, gehen Restauratoren davon aus, dass das Vesperbild für einen geschlossenen Raum geschaffen wurde.

Aus der Teilnahme auswärtiger Ordensleute an der Umtracht entwickelten sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts die ersten Wallfahrten der Jesuiten mit ihren Schülern aus Münster zum uralten wundertätigen Bildnis der Gottesmutter, damals bereits liebevoll von Telgter Paolbürgern „dat aolle Mensk“ genannt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sorgte der Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen 1654 für den Bau der barocken Kapelle und ordnete aus allen Orten seines Bistums die Wallfahrt nach Telgte an.

Die größte Veränderung erfuhr die Pietà im Jahre 1854. Auf Anordnung des Bischofs von Münster Dr. Georg Müller wurde der rechte Arm Christi, der ursprünglich senkrecht nach unten hing, in den Schoß Mariens gelegt. Da die überarbeite farbige Fassung den Gläubigen und dem Bischof nicht gefiel, ordnete er die heutige dunkelbraune Farbgebung an.

Höchste Ehre erfuhr die Schmerzhafte Mutter von Telgte, mater dolorasa, wie sie jetzt hieß, im Jahre 1904, als man den 250sten Jahrestag der Grundsteinlegung der Wallfahrtskapelle feierte. Antonius Kardinal Fischer krönte im Auftrag des heiligen Papst Pius X. die Telgter Pietà und erhob sie offiziell zu einem von der katholischen Kirche anerkannten Gnadenbild.

Der bekannteste Pilger zur Schmerzhaften Mutter von Telgte ist der Bischof von Münster Clemens August Kardinal von Galen, der „Löwe von Münster“ wie ihn eine britische Zeitung aufgrund seines unerschütterlichen Kampfes für das Leben während der Nazi-Diktatur nannte. Die größte Wallfahrt nach dem Krieg fand 1975 statt, als Ordensfrauen, Ärzte, und Krankenschwestern für den Schutz des ungeborenen Lebens beteten. Der heilige Papst Johannes Paul bezeichnete Telgte mit seinem Gnadenbild bei seinem Besuch in Münster am 1. Mai 1987 als „das religiöse Herz des Münsterlandes“

(Text: Heinz Stratmann, Bilder: Pfarrarchiv St.Clemens, Heinz Stratmann)

 

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies und Ihren Widerspruchsmöglichkeiten erhalten Sie in unserer Rubrik Datenschutz
Datenschutz Ok